Maria Magdalena Z’Graggen

Maria Magdalena Z’Graggen – Malerische Welterkundung

Isabel Zürcher, Kunstbulletin 4/2018, Zürich
Herausgeber Schweizer Kunstverein, Zürich

Maria Magdalena Z’Graggens Malerei ist als eigengesetzliche Genesis beschreibbar – bei einem fernen Nullpunkt auf der Zeitachse scheinen Flächen und Schlaufen anzusetzen. Offenen Blicks setzt sich die Künstlerin gleichzeitig dem Wesen von Farbe aus wie den unterschiedlichsten Perspektiven auf die Welt. Nun sind neue Bilder in Basel und in Baden zu sehen. Isabel Zürcher

«Indigo», «Yarosit», «Terra Ercolana» oder «Alba Albula» heissen ihre jüngsten Bilder. Alle Kontinente, unterschiedlichste Klima- und Kulturzonen speisen Maria Magdalena Z’Graggens aktuelle Produktion. Mit Pigmenten indischer, südamerikanischer, mediterraner oder auch alpiner Herkunft grundiert die Künstlerin ihre Malerei mit einer grossen Palette an Intensitäten und Temperaturen. Schon lange nimmt sie es auch mit verschiedensten Konsistenzen auf, lässt sich vom eiligen Fluss des Aquarells wie vom Widerstand im Öl leiten. Die begrenzte Zeit, die das weiche Material zur Bearbeitung ‹alla prima› zulässt, teilt sich auch nach der Fertigstellung in jedem Augenblick und allen Details mit. Immer muss die Künstlerin damit rechnen, dass eine Farbbahn oder auch eine ganze Fläche ausser Kontrolle geraten: Manchmal reisst eine Schicht unter dem Druck ihres Spachtels, manchmal bildet sie Blasen oder kleine Krater aus. Hier bäumt sich Farbe als pastose Wulst am Rand einer Biegung auf, dort bleibt sie liegen wie ein schuppiges Reptil oder das Relief von verwehtem Schnee.

Im Eigensinn der Materie

Wenn Maria Magdalena Z’Graggen über Farbe spricht, geht’s nicht zuerst um Nuancen und nicht um Töne: Sie geht mit eigentlichen Charakteren um. Mattes und Glänzendes, das Hitzige, Anschmiegsame wie das Widerspenstige ihrer jeweiligen Natur bietet sie zum Zusammenspiel auf – genau das ist die Kunst ihrer Malerei. Auf dass auch nach Abschluss einer kaum korrigierbaren, umso konzentrierteren Bewegung die Vitalität einer Leinwand oder Holztafel nicht in ängstliche Starre übergeht. Wie unbekannte Gestirne schweben Kreisformationen auf monochromem Grund. Manche scheinen nach einer ungestümen Zentrifugalbewegung zum Stillstand gekommen. Dabei spannt sich ein Überschuss an Farbe zur homogenen Folie spannt oder bleibt wie ein gestrandeter Fisch schillernd liegen. Die neckische Kulinarik, die das Drehmoment um die Mitte organisiert wie um eine glasierte Kirsche, erinnert an ein früheres Kapitel in Z’Graggens malerischem Werdegang: In ihren «Friandises» (1998/99), kleinen Objekten in Öl auf Holz, hatte sie Malerei wie Amuses-Bouches als Augenschmaus offeriert.

In unterschiedlichem Aggregatzustand variiert auf anderen Werken der senkrechte Fall schmaler Farbbänder: Kontraste, Rhythmen, Verschmelzung oder Abstossung. So sehr auch diese Malerei in ihrer vertikalen Organisation die Erinnerung an die Grossen, Abstrakten der amerikanischen Nachkriegszeit in sich birgt – abstrakt ist sie nicht. Und so sehr sie Assoziationen an Himmelskörper, Zielscheiben, vielleicht Arenen aufruft – das im engeren Sinn Figurative bleibt ihr fern. Malerei ist das unmittelbare, nahsichtige, immer wieder einmalige Auftreffen von Farbe auf Holz, Leinwand, auch auf Papier. Und es ist eine Technik, mit der Maria Magdalena Z’Graggen Phänomene der Welt auf ein sinnliches Konzentrat verdichtet. Im langjährigen Hin und Her zwischen Öl und Aquarell, zwischen Modellieren, Zusammenfassen und Verflüssigen insistiert ihr Schaffen auf einem schöpferischen Urzustand: Das Werden triumphiert über das Sein, und das Überraschende von Harmonie oder Dissonanz lehnt sich fröhlich gegen jede rigide Begrifflichkeit auf.

Aus der Schweiz in die Welt

Baslerin mit Innerschweizer Wurzeln, ist Maria Magdalena Z’Graggen Weltenbürgerin und Kosmopolitin im Geist. Sie ist in einer italienisch-schweizerischen Familie aufgewachsen und hat früh die Relativität von Perspektiven, Sprachen, gesellschaftlichen Vereinbarungen kennengelernt. Vertraut mit den Klängen des Südens wie mit der Verschlossenheit der Berge, erprobt sie regelmässig Lebens- und Arbeitsbedingungen in anderen Ländern. Reisen und Auslandaufenthalte durchdrangen ihr bildnerisches Vokabular mit neuen Formen, Farben und Lichtverhältnissen, während sie in ihrer Schweizer Homebase konzentriert zu neuen Serien ausholt. Die Kunst des Improvisierens, die im armen Havanna umso opulentere Feste möglich macht, vermehrte in Aquarell den sanften Zusammenprall organischer Verläufe mit tektonischen Zeichen wie in einem fortlaufenden, visuellen Tagebuch. Als sie Mitte der 1990er-Jahre in New York mit der Filmkamera die vibrierende Luft der Grossstadt aufgezeichnet hatte, liebäugelte sie noch mit der Perspektive einer Filmemacherin. Das scheinbar immer Gleiche in New Mexicos weiter Landschaft sollte später ihren Blick für die marginalen Abweichungen und den grossen Reichtum auf der Skala von Lufttemperaturen oder Wüstensand schärfen. Damals, um die Jahrtausendwende, war ihr Bekenntnis zur Malerei und also für das ganz direkte Gegenüber des Bilds längst gefallen. «Die Entscheidung für das Medium ist in grosser Kongruenz mit dem, wie du Welt hinterfragst», ist Z’Graggen heute überzeugt. Und wenn sie ihre Kunst in Serien entwickelt, ist auch das ein Entscheid. Jedes Werk soll für sich bestehen, während es doch Verwandte hat – das Einmalige soll gelten, ohne dass etwas Absolutes daraus herzuleiten wäre.

Die Weisheit der Malerei

«Von der Malerei habe ich wahnsinnig viel für das Leben gelernt.» Das ist die Aussage einer Künstlerin, die sich von der Wechselwirkung zwischen Pigmenten, Bindemitteln und Malgrund über die Gesetze der Materie unterrichten lässt. «Erfahrung und Beobachtung zeigen mir Parallelen zu unserem Alltag: Manchmal muss man Tatsachen oder Grenzen anerkennen, dann wieder insistieren und alles daransetzen, dem schier Unmöglichen zu seinem Recht zu verhelfen.» Malen ist ein Filter, der das Widersprüchliche einzufangen vermag – und jedes Bild ein neuer Anfang, um die Co-Existenz von Eigenheiten ästhetisch auf eine Spitze zu treiben. «Malerei, wie ich sie betreibe, ist eine sehr archaische, direkte, unmittelbare Sache und Vorgehensweise. Hands on! Gleichzeitig kann sie im Denken, in der Rezeption etwas äusserst Abstraktes sein, ähnlich einer theoretischen Mathematik, die konkrete Phänomene in Formeln fasst.»

Maria Magdalena Z’Graggens Neugierde lenkt sie in der stetigen Auseinandersetzung mit der Arbeit jüngerer und älterer Künstlerinnen und Künstler – wobei sie ihre eigenen Referenzen nicht nur dem Feld der Malerei verdankt. Täglich liest sie Berichte und Kritiken zu Ausstellungen weltweit und rezipiert Kunst, die ihren eigenen Bildern Anschluss und Verankerung in laufenden Diskursen bietet. «Man sieht das den reduzierten Arbeiten vielleicht erst auf den zweiten Blick an: Sie nähren sich an der Grossstadt, an Kunst und Theorie. Meine Bilder sind dann geglückt, wenn Informationen sich darin verwandeln und ganz in der Konzentration der Malerei aufgehen.»

Königsweg und Narrenspiele

In der Anne Mosseri Marlio-Galerie in Basel wie im Trudelhaus Baden legt Maria Magdalena Z’Graggen nun das aktuelle Spektrum ihres Schaffens aus: Bilder aus den Serien «licht 12+1» und «TERRA», die in Grund und Motiv einem präzis vorbereiteten, in einer isolierten ‹Performance› ausgeführten Plan folgen und andere, in denen sich die angespannte Energie fast eruptiv entladen darf. In heiterer Verschrobenheit, raschem Duktus, spontanem Übermut zelebrieren die seit 2015 entstehenden «The Fools» die Intelligenz des Unmöglichen. Hat jemand gesagt, was Malerei heute dürfe? So, wie der Karneval gesellschaftliche Regeln für kurze Zeit ausser Kraft setzt, relativieren die Narren aus Z’Graggens anhaltender Farbwerkstatt den anspruchsvollen Werkprozess und finden zum leichten Spiel zurück. Sie heissen «Bouffon» oder «Jester», sie entspringen den Randzonen malerischer Welterkundung und tragen gewitzt zur Schau, was das Meisterhafte an Irrsinn und Erfinderlust nach sich zieht.

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